sideBar

HomeOnline-JournalÜbersichtMethodenBildnerische Methoden (5): Die eigene Zeichen- Sprache entschlüsseln

Bildnerische Methoden (5): Die eigene Zeichen- Sprache entschlüsseln

Sabine Mertens-foto

Bildnerische Methoden (5)

Die eigene Zeichen- Sprache entschlüsseln

Sabine Mertens

Täglich verwenden wir viel Zeit mit vermeintlichen Äußerlichkeiten, oftmals routinemäßig halbbewusst oder ganz unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Gern zeigen wir uns von der besten Seite, wollen kein „schwaches oder schiefes Bild“ abgeben. Schon allein in Körperpflege, Kleidung und Körperschmuck drückt sich unser Alltagsbildbewusstsein mitsamt unseren persönlichen Überzeugungen, Lebensentwürfen und Mustern aus. Umso mehr in eigenhändig angefertigten Bildern. Darin treten vielfältige Aspekte unseres Selbstbildes und Lebensplans zutage, die uns zum Erfolg verhelfen können, wenn wir sie nur zu nutzen wissen.

Alle o.g. Praktiken regulieren Selbstausdruck und sozialen Umgang. Sie sind – zusammen mit der Körpersprache – höchst verhaltenswirksam. Sofern sie bewusst angewendet werden, können sie helfen, sich im eigenen Inneren zurechtzufinden, sich täglich selbst neu zu erschaffen und den eigenen Lebensentwurf umzusetzen. Wir können unser Leben jederzeit ändern, hinderliche Normen überschreiten und uns selbst Gestalt geben, ohne Vorbilder zu kopieren. Allein unser tatsächliches Spiegelbild ist von großer Bedeutung für unser Wohlbehagen. Es dient nicht nur der alltäglichen Überprüfung und Korrektur unserer Erscheinung, sondern auch der (moralischen) Selbstvergewisserung. Ebenso können eigenhändig gezeichnete Bilder dabei helfen. Beide offenbaren unsere hart gesottenen „Muster“ zusammen mit der aktuellen Befindlichkeit.

Der Spiegel – Symbol der Selbsterkenntnis

Wer sich wohl fühlt in seinem Körper, wer sich gut leiden kann und grundsätzlich im Einklang ist mit sich selbst, dem gefällt auch das eigene Spiegelbild. Die positive innere Resonanz auf unser eigenes Spiegelbild ist ebenso wichtig für ein gutes Körpergefühl wie für unsere Fähigkeit, Alltagsstress auszuhalten, außergewöhnliche Belastungen zu überstehen oder gar nach einer Niederlage würdevoll wieder aufzustehen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass „Frühmorgens noch in den Spiegel schauen zu können“ ein häufig geäußerter Wunsch in Coaching, Beratung und Training ist. Er entspringt einem menschlichen Grundbedürfnis und ist von existentieller Bedeutung!

sabine-mertens 170303a

Abb. 1 Selbstbild im Spiegel, m, 42 Jahre

Der Zeichner von Abb.1 ist ein erfolgsgewohnter Mann mittleren Alters mit festen Überzeugungen und extrem hohem Anspruch an sich selbst. Seine Erfolgssträhne hat durch eine Kündigung ein jähes Ende gefunden, sodass er sich beruflich nochmal umorientieren muss. Seine festen Prinzipien und hohen Ansprüche sind ins Wanken geraten, sein Selbstbild ist erschüttert. Er ist ver-Zweifel-t.

Das Satzzeichen über dem Spiegel verortet seine Zweifel im Bild, und es stellt die Übereinstimmung von Person und Spiegelbild in Frage; der Zeichner fragt sich, ob er sich „noch im Spiegel ansehen“ könne, falls er seine bisherigen (hohen) Leistungsansprüche nicht aufrecht erhalten kann.

Zeichnungen sind Lebensspuren

Die gezeichneten Linien sind nicht nur direkter Ausdruck einer Bewegung der Hand, sondern gleichzeitig „Emogramme“ (grafischer Ausdruck von Gefühlen und ihren verschiedenen Qualitäten), denn in jeder Bewegung steckt etwas von unserer Kenntnis der Dinge. Zeichnungen sind sichtbare Erinnerungen, eine individuelle Resultante all dessen, was wir je bezüglich der dargestellten Dinge erfahren und gelernt haben. Manche Zeichner mögen ihre Bilder nicht oder lehnen sie sogar ab. Sie schauen dann ihr Bild an wie ihr eigenes Spiegelbild, dem sie am liebsten die Zunge herausstrecken würden, wie die Zeichnerin von Abb. 2. (Spontan gezeichnete Bilder funktionieren wie ein Spiegel, auch wenn sie das Spiegelsymbol selbst nicht enthalten).

sabine-mertens_170303b.jpg

Abb. 2 Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!, w, 43 Jahre

 

Abgelehnte Selbstanteile integrieren

„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!“ ist eine klassische Bildaufgabe, die ich gerne vorschlage, wenn Konflikte bearbeitet werden sollen. Die Zeichnerin hat einen „guten“ Ich-Anteil in der linken Bildhälfte eher abstrakt dargestellt, den „bösen“ rechts außen, konkreter, in Form des „Teufels“. Sie sagt über die beiden Anteile: „Die wissen voneinander, begegnen sich aber nie.“ In der Besprechung wird deutlich, dass der „Teufel“ einen von ihr sehr stark abgelehnten Anteil repräsentiert, nämlich Gefühle von (unterdrückter) Wut und Aggressivität. Bei näherer Betrachtung und Analyse der Zeichen- und Farbsprache stellen wir allerdings fest, dass die beiden Anteile sich doch nicht so fremd sind, wie die Zeichnerin zunächst dachte: Die senkrechte Linie in der Mitte des Bildes, welche ihr Getrenntsein markieren soll, weist eine Öffnung auf. Die Farben der linken Seite streben im Sinne einer Zukunftsdynamik nach rechts, und Blau sowie Rot (positiv besetzte, kraftvolle Gefühlsressourcen der Zeichnerin) erscheinen auf beiden Seiten des Bildes. Der negativ bewertete Teufel zeigt auch hochgradig vitale Anteile, die ebenso gut dem „guten“ Ich-Anteil dienlich sein könnten. Die Zeichnerin kann nun beide Anteile als gleichberechtigt und zu sich gehörig wahrnehmen, und so vermittelt das Bild ihr nicht nur ein realistischeres Selbstbild als das bisherige Schwarzweißdenken; es zeigt auch ihr emotionales Potential.

Wie innen, so außen – Bilder machen Leute

Es lohnt sich immer, Bildteile resp. Ich-Anteile sprechen zu lassen und ihre Appelle ernst zu nehmen. Der Zeichner von Abb. 3 ist nach der erzwungenen beruflichen Umorientierung auf der Suche nach einem neuen Job. Im Hinblick darauf befragt, betont das Bauchgefühl ausdrücklich, dass er im neuen Umfeld auch atmosphärische Details beachten solle; er solle zukünftig bei der Arbeit nicht nur etwas leisten, sondern sich auch von Herzen wohlfühlen können.

sabine-mertens_170303c.jpg

Abb. 3 Bauchgefühl, m, 42 Jahre

Derlei Zeichnungen machen die momentane innerpsychische Verfasstheit ihrer Urheber sichtbar. Durch den zeitweiligen Fokus auf das Ich und seine widerstreitenden Anteile können vermeintlich negative Aspekte nutzbar gemacht und positive gestärkt werden. Derlei Symbolisierungsprozesse fördern nachhaltig positive Veränderungen der Persönlichkeit – durch Aktualisierung, etwaige Umstrukturierung und Nachentwicklung. So werden im Coaching mit Bildern gleichsam die Schlüsselfaktoren erfolgreicher Coaching-Prozesse umgesetzt: Vertiefung des Selbstvertrauens und Erweiterung des Handlungsspielraums. 

Literaturtipps

  • Wie Zeichnen im Coaching neue Perspektiven eröffnet, Sabine Mertens, Beltz 2014

Die Autorin: Sabine Mertens

ist Kunsttherapeutin und Psychotherapeutin HPG in eigener Praxis in Hamburg. Ihr Schwerpunkt in Diagnostik, Coaching, Training und Supervision ist die systemische Bearbeitung von Klientenzeichnungen. Ihre Leidenschaft ist emotionales Selbstmanagement und die VerFührung ihrer Mitmenschen zur Selbstführung.

Kontakt:
IP Institut für Personalentwicklung
Beratung Coaching Insights MDI®
Sabine Mertens
Behringstr. 28a / Haus 3, D-22765 Hamburg
Tel. 040-39834-154
sabinemertens@t-online.de
www.sabinemertens.com 

Unsere
Tagungs-Hotel-Empfehlung:

Nutzen Sie das Kennenlernangebot als TT-Mitglied für sich und Ihre Partnerin / Ihren Partner.

Unsere
Produkt-Empfehlung:

Werkzeuge für Ihr Business

Go to top