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Bildnerische Methoden (6): Das Lebenspanorama – biographische Muster auf einen Blick

Sabine Mertens-foto

Bildnerische Methoden (6)

Das Lebenspanorama – biographische Muster auf einen Blick

Sabine Mertens

Bei dieser Bildaufgabe wird der Maler aufgefordert, sein gesamtes Leben in den Blick zu nehmen und eine analoge Darstellung dafür aufs Papier zu bringen. Die in einem solchen Bild erkennbaren Schemata entsprechen seinen Lebenserfahrungen und Bewältigungsmustern. Das Lebenspanorama ist eine bildnerische Darstellung sowohl expliziter als auch impliziter Gedächtnisinhalte. Bei der Betrachtung achten wir besonders auf charakteristische Grundmuster, Zeichen für den Lebensfluss (Ressourcen) und Hindernisse (Blockaden).

Ein Lebenspanorama zu malen dauert nur einige Minuten. Das Bild beinhaltet aber die Muster eines ganzen Lebens: verdichtet, zusammengerückt auf einem Blatt Papier. Beim Malen konvergieren reale Zeit und psychische, erlebte „Eigenzeit“. Bei der Arbeit mit dem Lebenspanorama nehmen wir Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig in den Blick; Rückblick und Vorausschau liegen nah beieinander.

Das Auf und Ab im Kopf

Die Zeichnerin von Abb. 1 hat eine Landschaft als Analogie gewählt. Sie hat ihr Leben als steil ansteigendes, schroffes Gebirge mit vielen spitz zulaufenden, durch kräftigen Farbauftrag betonten Gipfeln und Klammen gezeichnet. (Sie markieren einschneidende, als schmerzlich empfundene Erlebnisse). Als Grundmuster fallen die vielen Kontraste ins Auge: das steile Auf und Ab der gezackten Linien, Spitzen gegenüber Wellen, Senkrechte versus Horizontalen, sowie die Anordnung der Bildelemente ausschließlich im oberen Teil des Bildraums.

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Abb. 1, Lebenspanorama, w, 43 Jahre, angestellt

Fülle im oberen, Leere im unteren Bildraum beobachte ich oft bei Menschen, die sehr »im Kopf« sind, nur schwer Zugang zu ihren Gefühlen finden oder sogar von ihnen wie abgeschnitten sind.

Ein Leben auf schwankendem Grund

Der Maler von Abb. 2 hat ebenfalls eine Landschaft als Analogie gewählt. In diesem Bild treten völlig andere Lebensmuster zutage: Der Maler ist mit einem Schiff auf dem Meer unterwegs, ein unentwegt schwankender Grund, auf dem er sich zwar fortbewegen, aber keinen festen Standpunkt einnehmen kann. Sein Schiff ist vom Wasser überspült.

Das Element Wasser füllt etwa die gesamte untere Bildhälfte – Symbol für die Welt der Gefühle, ungreifbar und wechselhaft wie die Gemütszustände des Malers, die in jeder Coachingstunde eine Hauptrolle spielen. Die schwarze (Regen-)Wolke gehört ebenfalls zum Element Wasser. Wolke und Sonne bilden – sowohl symbolisch als auch farblich – ein Gegensatzpaar, das einen zentralen Konflikt abbildet: Das tägliche Ringen des Malers darum, seine überwältigenden Gefühle in den Griff zu bekommen und zwischen Tag und Nacht die Balance zu halten, ohne sich tagsüber in Überanpassung oder nachts in Depression zu verlieren.

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Abb. 2, Lebenspanorama, m, 45 Jahre, angestellt

Die Ich-Position liegt nach eigenen Angaben auf dem Schiff, hier das stellvertretende Ich-Symbol. Der Maler ist auf hoher See inmitten der Elemente unterwegs und steuert mit dem „himmlischen Kind“ in die Zukunft, raumsymbolisch nach rechts. Das Ich-Symbol ist gleichsam als kraftvolle Ressource anzusehen: ein Fahrzeug, mit dem der Maler autonom sein und sich die ganze Welt erschließen kann, das aber auch Raum für Gefährten bietet. Dieses Fahrzeug (wie auch der Maler) fügt sich der „höheren Instanz“, um eine perfekte dynamische Ordnung zwischen Autonomie und Verbundenheit zu finden.

Steiler Anstieg – hohe Leistungsanforderung

Die Zeichnerin von Abb. 3 hat ihr Leben als steil aufsteigende Linie gezeichnet, die das Blatt diagonal in zwei rechtwinklige Dreiecke und damit in »links oben« und »rechts unten« unterteilt. Von der Linie zweigen sich beidseitig einzelne Ereignisse und Lebensphasen ab. Als Grundmuster erkennen wir den gleichmäßigen steilen Anstieg sowie das beidseitige Sprießen kleiner, mit verschiedenen Zeichen versehenen Linien. Trotz der vielfältigen „Abstecher“ ist die Zeichnerin immer wieder auf die Hauptrichtung ihres Lebens zurückgekommen, die progressive Dynamik nach rechts oben. Der steile Anstieg der Linie repräsentiert allerdings auch einen hohen Leistungsanspruch der Zeichnerin an sich selbst, der ihr im Leben schwer zu schaffen gemacht hat: ihre kontinuierliche übermäßige Anstrengung, den familiären Erwartungen an sie zu entsprechen sowie gesellschaftlich aufzusteigen.

Sie empfindet ihr Leben als »vorgezeichnet«, fühlt sich besonders gegenüber der Familie extrem verpflichtet. Am Ende des Coachingprozesses werte ich es als Fortschritt, dass sie nicht auf der „Lebenslinie“ mit den vorgezeichneten Abschnitten und dem steilen Anstieg nach oben rechts weiter geht, sondern ihre Ich-Position auf der jüngsten Abzweigung platziert hat, wo es leicht bergab geht — welche Entlastung! (siehe „Letzte Ausfahrt eigenes Leben“, Mertens, 2014, S. 93)

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Abb. 3, Lebenspanroama, w, 49 Jahre, angestellt

Lebensmuster umstrukturieren

Das Lebenspanorama umspannt in einem einzigen Bild einen ganzen Werdegang. Es lässt (vergessene) Ressourcen, aber auch blockierende Ereignisse besonders hervortreten, die hemmend auf die Entwicklung gewirkt oder gar den Fluss des Lebens ganz zum Stocken gebracht haben. Zugleich offenbart es die Ereignis- und Bewältigungsmuster der Maler. Aus der „Metaperspektive“ kann, vorübergehend losgelöst, das einengende Gewebe des Lebens ins Auge gefasst werden. Indem wir im Coaching das gesamte Bild mit den verwendeten Analogien, Symbolen, der persönlichen Zeichensprache der Maler zunächst neutral beschreiben, erschließen sich die „Skripts“, Glaubenssätze und persönlichen Bedeutungen wie von selbst, verfestigte Konstrukte von Kausalität und Kontinuität werden aufgehoben. Durch die gleichzeitige Präsenz von räumlich, zeitlich und sachlich weit auseinander liegenden Szenen innerhalb des vergleichsweise kleinen Bildraums erkennen die Maler wiederkehrende Muster. Im Verlauf des Coachingprozesses findet eine umfassende Neubewertung und Umstrukturierung statt. Die Vergangenheit kann aus dem Klammergriff von abgespeicherten Klischees und Stereotypisierungen befreit und in neuem Licht betrachtet werden. Das Erkennen und Neuordnen geschieht nie beliebig, sondern auf der Grundlage überpersönlicher Struktur- und Ordnungsprinzipien (z.B. Gestaltgesetze). Durch die Neubewertung wird eine psychische Umstrukturierung, ein neues „Eigenzeitalter“ möglich, in dem der persönliche Erfahrungsschatz sich als verlässliche Ressource und Zukunft als gestaltbar erweist.

Literatur

  • Sabine Mertens, Wie Zeichnen im Coaching neue Perspektiven eröffnet, Beltz 2014
  • Gisela Schmeer, Krisen auf dem Lebensweg, Klett-Cotta, 1994
  • Gisela Schmeer, Das Ich im Bild, Klett-Cotta, 1998
  • Eric Berne, Was sagen Sie, nachdem Sie „Guten Tag“ gesagt haben?, Fischer, 1983

Die Autorin: Sabine Mertens

ist Kunsttherapeutin und Psychotherapeutin HPG in eigener Praxis in Hamburg. Ihr Schwerpunkt in Diagnostik, Coaching, Training und Supervision ist die systemische Bearbeitung von Klientenzeichnungen. Ihre Leidenschaft ist emotionales Selbstmanagement und die VerFührung ihrer Mitmenschen zur Selbstführung.

Kontakt:

IP Institut für Personalentwicklung
Beratung Coaching Insights MDI®
Sabine Mertens
Behringstr. 28a / Haus 3, D-22765 Hamburg
Tel. 040-39834-154
sabinemertens@t-online.de
www.sabinemertens.com 

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