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Systemisches Konsensieren: Möglicher Lösungsweg nach langem Streit

josef maiwald tj2014 Josef Maiwald

Systemisches Konsensieren

Möglicher Lösungsweg nach langem Streit

von Josef Maiwald

Allzu leicht verfangen sich Gruppen in schier endlosen Diskussionen. Anstatt sich einer guten Lösung zu nähern, werden Grundsatzdiskussionen geführt, Lager gebildet und die Wortbeiträge werden zunehmend persönlich. Der nachfolgend beschriebene Fall zeigt einen möglichen Ausweg mittels Konsensieren. Er ereignete sich im kommunalen Umfeld, ist jedoch auch auf den Firmenkontext übertragbar.

Seit mehreren Jahren beschäftigt die Verwaltung einer deutschen Stadt immer wieder ein Ärgernis. Kaum ist im Frühjahr der Park frisch angelegt und auch die Grünfläche mit Rollrasen ausgebessert, zeigen sich erst sachte und dann immer deutlicher Spuren von Fußgängern, die die Schilder „Rasen betreten verboten“ ignorieren. Gespräche mit den Fußgängern oder auch Strafzettel wegen der Ordnungswidrigkeit führten nicht zum gewünschten Erfolg. In diversen Sitzungen im Stadtrat wurde die Sachlage immer wieder erörtert.

Ausgangslage und Stand der Diskussion

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Abb. 1: Wegenetz im Stadtpark

Der Stadtpark ist an allen vier Seiten von Straßen umgeben. Von den Ecken führen die Wege sternförmig zu einem Rundweg im Zentrum des Parks. Richtung Norden ist ein Stichweg, der zu einem Kunstwerk führt. Im Süden des Parks halten Linien- und Touristenbusse. Von dort bildet sich der Trampelpfad senkrecht zur Mitte.

Als Möglichkeiten zur Abhilfe wurden diskutiert:

  • Einrichtung eines Weges an der Stelle, an der sich der Trampelpfad bildet.
  • Alle Wege um die Mittelachse drehen, damit es bei den vier größeren Wegen bleibt, jedoch einer an der Stelle, an der sich der Trampelpfad bildet.
  • Weitere Wege offiziell einfügen, so auch an der Stelle des Trampelpfads.
  • Einen ganz neuen Park anlegen.
  • Nichts ändern, so weiterverfahren wie bisher.

Es entbrannte immer ein heftiger Streit. Alle Lösungsvorschläge fanden erbitterte Gegner, die mögliche Maßnahmen zur Abhilfe blockierten. Einige Stadträte hatten Jugenderinnerungen an den Park und wollten daher möglichst wenig ändern. Der Architekt sah durch einen zusätzlichen Weg die Grundkonzeption gestört – denn schließlich bilden die Wege bei Betrachtung aus dem All einen Stern. Die Diskussion wurde schnell immer unsachlicher und die Fronten verhärteten sich. Am Ende war im Protokoll immer wieder zu lesen „Agenda-Punkt Stadtpark nach eingehender Diskussion ohne Beschluss vertagt“.

Simulation im Workshop

Einer der Stadträte war Teilnehmer im Workshop „Smart Konsensieren“ und brachte den Fall ein. Mit Hilfe der Methode „Konsensieren“ in der Variante „Kreative Kommunikation“ hat die Gruppe innerhalb von einer Stunde eine Vielzahl von Lösungen generiert und dazu die Akzeptanz ermittelt.

josef_maiwald_160526.jpg Abb. 2: Meinungsbild durch Konsensieren

Wie kommt dieses Ergebnis zustande und was sagt es aus?

Nach der Erläuterung der Ausgangslage, inklusive der rechtlichen Hintergründe, wurde folgende Fragestellung schriftlich fixiert: „Wie kann der Park gestaltet werden, damit die Wege benutzt werden und benutzerfreundlich sind?“. In einem Brainstorming wurden mögliche Lösungen erarbeitet. Die jeweilige Kurzfassung der Vorschläge wurde in eine Tabelle eingetragen. Alle Vorschläge wurden von allen Teilnehmern bewertet, indem sie die Frage „Spricht etwas gegen diesen Vorschlag, wenn ja, wie viel?“ anhand einer Skala von 0 bis 10 beantworteten: 0 bedeutet „keine Bedenken“, 10 bedeutet „kommt für mich überhaupt nicht in Frage“. Die Zwischenwerte erlauben beliebige Abstufungen. In der Tabelle wurden die Widerstandwerte aufsummiert, der „normierte Widerstand“ (Mittelwert) sowie der Rangplatz errechnet und nach diesem sortiert. Ein derartiges „Meinungsbild“ gibt einen schnellen Überblick über die Akzeptanz der Vorschläge und ermöglicht eine gezielte Diskussion und eine klare Entscheidung.

Das Meinungsbild (s.Abb.2) zeigt deutlich: Der aktuelle Zustand ist völlig inakzeptabel (Lösung A). Dagegen gibt es vier Vorschläge mit hoher Akzeptanz, die sich ggf. zu einer integrierten Maßnahme kombinieren lassen. Die beste Lösung scheint, die vier breiten Wege durch vier kleinere zu ergänzen, um zu gewährleisten, dass die ursprüngliche Sternform erhalten bleibt. Für den Rasen eine strapazierfähigere Sorte zu suchen und die Flächen zwischen den Wegen neu zu gestalten, sind mögliche Zusatzoptionen. Sollten diese Maßnahmen nicht fruchten, gibt es noch die Möglichkeit der Bürgerbeteiligung z.B. in Form einer Planungszelle oder auch eines Wettbewerbs. Nur ein Teilnehmer hat dagegen Bedenken geäußert. Auf Rückfrage erläuterte dieser, er würde die Bedenken sofort fallenlassen, wenn die weniger aufwändigen Maßnahmen nicht fruchten würden.

Warum war es plötzlich so einfach?

Angesichts des einhelligen Ergebnisses fragt man sich, warum es plötzlich so schnell und einfach war, zu akzeptierten Lösungen zu kommen. Die beiden wichtigsten Gründe sind:

Das strukturierte Vorgehen: Durch ein strukturiertes Vorgehen und eine unterstützende Visualisierung wie im skizzierten Fall werden deutlich mehr und kreativere Lösungen generiert. Durch die Tatsache, dass die Akzeptanz jedes Vorschlages transparent gemacht werden kann und auf Bedenken gezielt eingegangen wird, werden Lösungen im Konsens gefunden oder zumindest Lösungen, die dem Konsens am nächsten kommen.

Die nötige Gelassenheit: In der Workshop-Gruppe war nur der Stadtrat, der den Fall eingebracht hat, persönlich involviert und emotional „vorbelastet“. Alle anderen konnten die Problemstellung gut nachvollziehen, aber gelassen angehen. Diese Gelassenheit hat die Kreativität positiv beeinflusst. Auch für andere Praxisfälle kann es gelegentlich sinnvoll sein, diese in einer Simulation mit Nicht-Beteiligten durchzuspielen und die Lösungen erst in einem weiteren Schritt durch die Beteiligten zu bewerten.

Die praktischen Erfahrungen mit dem Konsensieren zeigen jedoch allgemein, dass sich bei einem frühzeitigen Einsatz der Methode die Fronten erst gar nicht verhärten: Die Beteiligten können jeden Vorschlag, der in der Phase der Lösungssuche eingebracht wird, erst einmal so stehen lassen. Spätestens bei der Bewertung aller Vorschläge zeigt sich ohnehin die Akzeptanz der einzelnen Vorschläge in der Gruppe.

Weitere Informationen zum Thema

  • J. Maiwald: Smart entscheiden! Methoden und Strategien, die Sie voranbringen * privat * beruflich * gesellschaftlich; 2014, auch als E-Book
  • S. Schrotta: Wie wir klüger entscheiden. Einfach – schnell – konfliktlösend, 2009, auch als E-Book
  • www.isykonsens.de
  • www.smarterlife.de  > Impulse > Systemisches Konsensieren
  • www.smart-konsensieren.de
  • YouTube: „Systemisches Konsensieren“

Der Autor:

Josef Maiwald ist Dipl.-Psychologe und Spezialist für Personalentwicklung, Talentmanagement, Betriebliches Gesund­heitsmanagement sowie Systemisches Kon­sensieren. Seit über 25 Jahren ist er in der Personal- und Führungskräfteentwicklung für internationale Konzerne, mittelständische Unternehmen sowie öffentliche Verwaltungen tätig. Er ist Begründer des Experten-Netzwerks SmarterLife und seit 2011 Ausbilder und Vorstandsmitglied im Institut für Systemisches Konsensieren, IsyKonsens Deutschland.

Josef Maiwald
A-BiS Gesellschaft für Unternehmensentwicklung mbH
Zeheterstr. 11
D-83607 Holzkirchen
Tel.: 0 80 24 - 4 77 44 57
entscheiden@smarterlife.de
www.a-bis.de
www.smarterlife.de

Veranstaltungen zu diesem Thema siehe auch im Fortbildungs-Kalender in dieser Ausgabe.

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