Das leise Erdbeben im Inneren

Warum wir im Umbruch nicht nur neue Pläne, sondern neuen Sinn brauchen

Von Viktoria Hammon

Ich sehe sie jeden Tag. Menschen, die auf den ersten Blick alles richtig machen. Die Karriereleiter erklommen, die Familie im Griff, die To-do-Liste ein Meisterwerk an Effizienz. Doch dann kommt der Moment, an dem die Fassade bröckelt. Es muss nicht immer der dramatische Burnout sein, der uns zu Boden reißt. Oft ist es ein leises, inneres Erdbeben, das sich meldet, wenn eine Krise ansteht, ein Jobwechsel droht oder die Kinder aus dem Haus sind.

Wir nennen es Umbruchsituation. Ein Wort, das nach Veränderung und Aufbruch klingt. Aber für viele fühlt es sich zunächst nur nach Verlust der Orientierung an.

Wenn die Energie plötzlich abreißt

Die hochfunktionale Erschöpfung, mit der ich täglich arbeite, ist dafür ein Paradebeispiel. Sie entsteht, wenn wir unsere Energie in eine Richtung lenken, die nicht mehr unserem inneren Kompass entspricht. Wir arbeiten härter an der Perfektionierung der Fassade – der glänzenden Performance, dem vollen Kalender – anstatt uns um das Fundament zu kümmern.

Viele erfolgreiche Menschen kennen diesen Moment: Man funktioniert, man liefert, und dann, scheinbar aus dem Nichts, ist die Energie einfach weg. Vielleicht kennen Sie das Gefühl sogar aus eigener Erfahrung – ein Moment des plötzlichen Stopps, der einen innehalten lässt und die Frage aufwirft: “Wofür mache ich das eigentlich noch?”

Genau dieser Moment des Abbruchs der Energie, selbst wenn er nur kurz ist, ist oft das Signal: Das alte System trägt nicht mehr. Die meisten Krisen beginnen nicht mit einem Mangel an Fähigkeit, sondern mit einem Mangel an tiefem, persönlichem Sinn. In einer Umbruchsituation wird dieser Riss im Fundament schmerzhaft sichtbar.

Die drei Schritte vom Chaos zur Klärung

Wie finden wir in dieser inneren Verwirrung wieder Halt? Es geht nicht darum, den nächsten großen Lebenszweck zu erfinden. Es geht darum, ihn wieder freizulegen. [BSL: Ist der "nächste große Lebenszweck" hier die richtige Bezeichnung, wenn es um Sinnfindung geht?]

  1. Die Pause vom "Müssen": Im Training ist der Reflex oft, sofort eine neue Strategie zu entwickeln. Der wichtigste erste Schritt ist jedoch die radikale Unterbrechung. Wir müssen den ständigen inneren Kritiker und den Drang, sofort produktiv zu sein, verstummen lassen. Erst in der Stille hören wir, was wirklich fehlt. [BSL: Das (die radikale Unterbrechung) ist mir zu radikal und absolut in der Forderung. Auch das "wir müssen" erscheint mir zu radikal, um mit dem normalen Leben vereinbar zu sein. Ist der wichtigste Schritt nicht erst einmal, sich des Zustandes bewußt zu werden? Radikale Forderungen funktionieren bei den meisten Menschen nicht und unterstützen m.M.n. nur Panikreaktionen. Die erforderlich Besinnung und Stille brauchen andere Impulse um wirksam zu werden, meine ich.]
  2. Die Bestandsaufnahme der "Bedürfnis-Lecks": In Umbruchphasen sind oft nicht nur die äußeren Strukturen (Job, Rolle) betroffen, sondern auch unsere tiefsten menschlichen Bedürfnisse. Wir funktionieren weiter im Modus der Pflichterfüllung, aber ignorieren dabei unsere inneren, vitalen Notwendigkeiten – das Bedürfnis nach Ruhe, nach Sicherheit oder nach Verbundenheit*. Die hochfunktionale Erschöpfung** ist oft nur ein lauter Schrei des Körpers, weil wir unsere Energie in Projekte stecken, die unsere ureigenen Bedürfnisse unbefriedigt lassen. Wir müssen ehrlich analysieren, wo unsere Lebenskraft wie durch ein Leck entweicht, weil wir entgegen dem Prinzip der tiefgreifenden Bedürfnisbefriedigung*** leben. Diese Erkenntnis ist die schmerzhafte, aber notwendige Reparatur des Fundaments.
  3. Die Rückkehr zur Intention**** statt Reaktion: Wer im Autopiloten funktioniert, reagiert nur auf äußere Erwartungen. Wer seinen Sinn (seine tiefste Motivation) wiedergefunden hat, agiert aus einer klaren Intention. Aus dieser inneren Kraft entsteht die neue Richtung – nicht als aufgezwungener Plan, sondern als organische Folge der eigenen Werte.

[* BSL: Wie wäre es, wenn Du Dir einmal die Bedürnisse genauer vornimmst und schaust, weshalb Ruhe und Sicherheit (Verbundenheit könnte wichtig sein, um daraus Sicherheit zu beziehen) so essentiell sind.]

** [BSL: Die "Hochfunktionale Erschöpfung" muss noch erklärt werden. Was verstehst Du darunter? Ist das eine Erfindung von Dir oder kannst Du Dich da auf wissenschaftliche Studien etc. berufen.]

[*** BSL: dito wie für **]

[** BSL: Intention stammt vom lateinischen intentio = „Ausrichtung“, „Streben“, „Absicht“. Meintest Du das? Oder meinst absichtsvolles Handeln, dass selbstbewußt ist? Hier würde noch einmal zu definieren sein, was das ist, wenn Menschen ihrem Sinn folgen. Ist das dann wirklich mit selbstbewußtem Handeln zu beschreiben oder spielt sich da nicht etwas ganz anderes ab, wie "geführt werden", "im Flow sein" etc. Mir scheint, dass es sich für den Artikel lohen würde, wenn Du diese Zustände einmal angehst und sie dem Zustand gegenüberstellst, der sich einstellt, wenn Menschen in der beschriebenen Umbruchsituation sind.]

Der Weg heraus aus der Erschöpfung und rein in eine sinnstiftende neue Phase beginnt immer [BSL: Das ist mir zu absolut in der Aussage. Viele Menschen durchleben solche Lebensphasen, die bestimmt nicht bei allen ("immer") sich so abspielen - oder!?] mit dieser ehrlichen Auseinandersetzung. Es ist der Unterschied zwischen dem bloßen Austauschen alter Pläne und dem tatsächlichen Schöpfen neuer, unverbrauchter Kraft aus einer erneuerten inneren Quelle. [BSL: Ist da tatsächlich eine neue Quelle am Sprudeln oder sind es nicht die "alten tragenden Energien" die sich in eine etwas anderer Richtung oder Form weiter strömen. Hier wäre zu untersuchen, warum diese Unterbrechung stattfindet: Ist tatsächlich  (immer) etwas zu Ende oder geht es nicht auch darum nicht aus der Bahn getragen zu werden, weil man nicht bemerkt hat, dass der eigene Weg plötzlich eine Kurve macht oder ich an einer Weggabelung stehe und sich mir neue Möglichkeiten auftun. Ist an dieser Stelle nicht eine neue Sicht angesagt in Richtung von "Schau´n wir mal, was das Leben nun noch von mir erwartet" oder "welche Möglichkeiten, die sich für mich in meiner Ruhe offenbaren, sind für mich jetzt richtig?" In vielen dieser Fälle dürfte es gut sein, zu erkennen, was sich da tut, zu verstehen, was sich tut, die neuen Möglichkeiten anzuschauen und den eigenen Weg fortzusetzen und damit den Sinn wiederzufinden, der durch das Übersehen dieses Punktes die Probleme verursacht?]

Für uns Coaches und Trainer liegt die wahre Kunst in diesen Momenten darin, nicht die nächste Zielvorgabe zu liefern, sondern den Raum zu halten, in dem der Klient seinen eigenen, neuen Sinn wiederentdecken kann. Denn nur das, was von innen heraus leuchtet, hält auch den nächsten Sturm stand.

 

Viktoria Hammon
Gutenbergstr. 1A
41564 Kaarst-Büttgen
T: 02131-5252748
info@viktoriahammon.de
www.viktoriahammon.de
https://viktoriahammon.de/blog/

Mitgliedschaften

didacta.logo             fww.logo

Copyright © 1991 - 2024 trainertreffen.de