Claudia Dehn Claudia Dehn

Sprechen, Probehandeln, verankern: Nachhaltige Veränderungen durch narrativ-behaviorales Neuro-Coaching

Wie können Coachings so gestaltet werden, dass sie sowohl klärend und entlastend wirken als auch nachhaltige Veränderungen ermöglichen? Wie können Klärungs- und Bewältigungsaspekte (vgl. Grawe 1994) kombiniert und nachhaltig verhaltenssteuernd integriert werden? Der Neologismus »Narrativ-behaviorales Neuro-Coaching« resultiert aus dem Versuch, die Anforderungen an erfolgreiche Coachingprozesse begrifflich auf einen Punkt zu bringen: »narrativ« verweist auf die Rolle von Erzählungen für die Konstruktion von Identität und Handlungsfähigkeit, »behavioral« auf die erwünschte Verhaltensänderung und »neuro« auf die Integration neurophysiologischer Erkenntnisse.

Die narrative Komponente: Wie Erzählungen Identität und Handlungsfähigkeit konstruieren

Die narrative Psychologie ist ein seit den späten 1980er Jahren bekannt gewordener Forschungszweig, der „als Synthese heterogener theoretischer Positionen, methodischer Perspektiven und wissenschaftlicher Praktiken … zunächst einmal nur durch ein gemeinsames Interesse am Erzählen und an der Erzählung charakterisiert“ ist (Echterhoff & Straub 2004, S.103). Etwas genauer formuliert, beschäftigt sich die narrative Psychologie mit „psychische(n), kommunikative(n) und soziale(n) Funktionen, die das Erzählen von Geschichten (bzw. die Rezeption von Erzählungen sowie die mentale Organisation von Informationen in narrativer Form) erfüllen kann“ (ebd., S.114). Die narrative Psychologie geht davon aus, dass alltägliche Interaktionen und die Verarbeitung von Erlebtem narrativ organisiert werden (vgl. Keupp 1999, S.208).

Narration als erzählerische Wiedergabe und Neuordnung von Geschichten der eigenen Biografie „hat Anteil an der allgemeinen sprachlichen Konstitution oder Konstruktion von Wirklichkeit“ (Echterhoff & Straub 2004, S.115) und ist damit ein kreativer Akt der persönlichen Sinnstiftung. Zu den komplexesten Formen autobiografischer Erzählungen zählen die Identitätsbildung und -präsentation. Identität wird in Anlehnung an Erickson verstanden „als die Fähigkeit des Ichs, angesichts des wechselnden Schicksals Gleichheit und Kontinuität aufrechtzuerhalten“ (Keupp 1999, S.28). Analog dazu steht der Ausdruck narrative Identität für die konstitutive Bedeutung des Erzählens, um lebensgeschichtliche Kontinuität zu schaffen und eine personale Identität zu erzeugen.

Hauptarbeitsmittel im Coaching sind Worte: Worte, mit denen Situationen dargestellt, Interpretationen versucht, Umdeutungen vorgenommen werden. Ein experimentell-spielerischer Umgang mit Worten, der sich nicht darum bemüht, eine vermeintlich objektive äußere Welt abzubilden, kann Coach und Klienten dazu befähigen, verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren, die Welt und die eigene Rolle darin verstehbar zu machen und ihr Sinn zu verleihen. Gute Geschichten, also gewinnende Präsentationen und Ausformungen der eigenen Identität, sind dabei nicht nur reines, letztlich bedeutungsloses Spiel, sondern können – wiederholt und verstärkend erzählt – auch auf neurologischer Ebene Spuren hinterlassen, die gewünschte Verhaltensänderungen erleichtern.

Die neurophysiologische Sicht: Wie Worte die Gedächtnisstruktur verändern

Die Ergebnisse neurophysiologischer Untersuchungen verweisen darauf, dass Gedächtnisleistungen wie „die Verarbeitung, Repräsentation und Erinnerung von Erfahrungen … durch narrativ-erzählerische Strukturen geprägt“ sind (Echthoff & Straub 2004, S.117). Dass das Gehirn nicht einfach alles Erlebte unbearbeitet in chronologischer Reihenfolge abspeichert, sondern Gedächtnisinhalte sinnvoll-selektiv anordnet, hat für das Individuum wesentliche Funktionen: „In einer zunehmend differenzierten Welt mit immer längeren und komplexeren Handlungsketten steigt auch das Anforderungs- und Leistungsniveau, dem das autobiographische Ich als eine Art Relais psychosozialer Synchronisierung zu entsprechen hat … Das ist es, was das autobiographische Gedächtnis leistet: Es integriert das multiple Ich, indem es die wundersame Leistung vollbringt, das Selbst gerade darum als ein immer Gleiches erscheinen zu lassen, weil es sich permanent verändert“ (Markowitsch & Welzer 2005, S.215f.).

Dabei hat „das Gedächtnis … schlichtweg nicht die … Funktion, die Vergangenheit wie in einem Film aufzuzeichnen und so zu bewahren. Es ist stattdessen flüssig und verändert sich womöglich mit dem Abrufen“ (Siefer & Weber 2006, S.170). Das bedeutet für Coachings, dass Gespräche zwischen Coach und Klienten sogar mit einer „Neu-Einschreibung“ (ebd.) von Gedächtnisinhalten einhergehen und somit auf neurologischer Ebene gesichert werden können; Worte scheinen tatsächlich, „Veränderungen in den Gehirnen der anderen erzeugen“ zu können (Kandel 2006, S.65).

Der behaviorale Aspekt: Wie Verhalten durch die gezielte Herbeiführung von Erfahrungen dauerhaft verändert wird

Während das autobiografische Gedächtnis vor allem durch Worte (um)strukturiert wird, können neue Verhaltensoptionen und Handlungsmöglichkeiten auch durch die gezielte Herbeiführung von Erfahrungen ermöglicht werden. Als vielleicht einfachste Form des Erlernens von neuem Verhalten bezeichnet Kandel die Habituation, die in der Abschwächung einer Verhaltensreaktion durch die wiederholte Darbietung des auslösenden Reizes besteht (ebd., S,54). Durch Habituation und ihr Gegenstück ‑ die Sensitivierung, d. h. die Verstärkung von Reaktionen ‑, also letztlich durch „Erfahrung“ (ebd., S.62), können weit reichende neuronale Umstrukturierungen erfolgen, die wiederum neue Verhaltensreaktionen ermöglichen.

Diese neurophysiologischen Ergebnisse stimmen mit Resultaten der Psychotherapieforschung überein. Das Verfahren der Reizkonfrontation, bei der „das Erleben und Aushalten der bisher vermiedenen Angstgefühle … einen wesentlichen Teil der Therapie“ (Grawe et al. 1994, S.309) darstellt, basiert auf dem Mechanismus der Habituation. Dauerhafte Verhaltensänderungen scheinen also möglich zu sein, da sich das „Gehirn in einem pausenlosen Umbauprozess“ befindet (Siefer & Weber 2006, S.139). Die gezielte Herbeiführung von bisher vermiedenen angstbesetzten Situationen im Sinne der Habituation führt zur Ausbildung neuer neuronaler Erregungsmuster. Dadurch können Reaktionsmuster überwunden und Handlungsspielräume erhöht werden. Die konkreten neuen Erfahrungen nehmen ihrerseits Einfluss auf die selbstbezogenen Kognitionen, das heißt auf das Selbstbild. Und da „das positivere Selbstbild allein schon ausreicht, um den Klienten in die Lage zu versetzen, die konstruktiven Verhaltensmuster, deren er fähig ist, selbstständig auszuführen“ (Kanfer 1979, S.11), wird ein sich selbst verstärkender Rückkopplungsprozess in Gang gesetzt, ein „Welleneffekt“ der Veränderung (de Shazer 1992, S.111).

Kognitiv-behaviorale Interventionen: Unter welchen Voraussetzungen sie wirksam sind

Wirksame Therapien sind dadurch charakterisiert, dass sie kognitive, affektive und konative (also handlungsbezogene) Elemente beinhalten (vgl. Grawe 1998). Worte sind ein effektives Instrument zur Verhaltensänderung, unter der Voraussetzung, dass „dem Inhalt des Gesprochenen entsprechende Schemata aktiviert sind“ (Grawe et al. 1994, S.771). Ob Schemata tatsächlich aktiviert sind oder ob lediglich über sie gesprochen wird, lässt sich an der emotionalen Verfassung des Klienten erkennen: „Die beim Patienten erkennbaren Emotionen, seine affektive Beteiligung, nicht das, was er sagt, sind der valideste Indikator dafür, ob relevante Schemata aktiviert sind oder nicht“ (ebd.). Um intensive Emotionen beim Klienten auszulösen, ist u. a. die Wahl des Settings von entscheidender Bedeutung: „Die bewusste Wahl eines besonders geeigneten Therapiesettings zur Aktualisierung der problemrelevanten Schemata des Patienten gehört … zu den wichtigsten Mitteln, über die ein Therapeut verfügen kann, um seinem Patienten eine möglichst wirksame Hilfe anzubieten“ (Grawe et al. 1994, S.705). Der bisherige Standard im Coaching, dass Sitzungen meist beim Coach oder an einem neutralen Ort stattfinden, könnte um verstärkte Interventionen im beruflichen oder – falls erforderlich – privaten Umfeld ergänzt werden und damit auch räumlich näher an die Quelle der Schwierigkeiten rücken.

Den verbalen, auf Kognitionen und Emotionen abzielenden Aspekt wirksamer Therapien bezeichnen Grawe et al. als klärungsorientiertes Vorgehen im Unterschied zum bewältigungsorientierten Vorgehen, das auf der erfolgreichen Bewältigung realer Situationen und der konkreten Einübung neuer Handlungsweisen basiert (1994, S.769ff.). Für bewältigungsorientierte Verfahren gibt es „durchaus klinische Beweise für psychotherapeutisch induzierte Veränderungen der Hirnverschaltung“ (Kandel 2006, S.70). Ein Ziel der neurophysiologisch wirksamen, verhaltensorientierten Therapien wie der Reizkonfrontation ist es, dem Klienten neue Erfahrungen zu ermöglichen und damit neue neuronale Verknüpfungen anzulegen.

Aus diesen Ausführungen folgt, dass Erfolg versprechende Interventionen narrativ-behavioral sein sollten: sowohl klärungs- als auch bewältigungsorientiert, es wird sowohl gesprochen als auch experimentell gehandelt. Das jeweilige Ergänzungsverhältnis beider Perspektiven zueinander wird dabei bestimmt von der Person und dem Thema des Klienten und erfordert somit ein individuelles Vorgehen (vgl. Grawe et al. 1994, S.752).

Narrativ-behaviorales Neuro-Coaching: Überlegungen zur Wirksamkeitssteigerung von Coaching

Bislang im Coaching bevorzugte verbalorientierte Techniken wie Gespräche allein scheinen nicht hinreichend zu sein, um zu dauerhaften Veränderungen zu führen. Eine stärkere Gewichtung sollten deshalb verhaltensorientierte Maßnahmen in Form von Rollenspielen, experimentellen Hausaufgaben, gezielt herbeigeführten schwierigen Situationen etc. erfahren. Coaching könnte verstärkt Experimente und Probehandeln ermöglichen (vgl. de Shazer 1992, S.24) und somit auch auf neuronaler Ebene die Grundlage für Verhaltensänderungen schaffen (entsprechend den Mechanismusen der Habituation und Sensitivierung).

Für die Erfolg versprechende Gestaltung von Coachingprozessen könnte das bedeuten, dass eine Abfolge dieser Komponenten sinnvoll wäre:

  • Im ersten Schritt der Aufbau einer tragfähigen Coach-Klienten-Beziehung, Schaffung eines wertschätzenden Klimas und Klärung des Vorgehens (verbales Vorgehen);
  • danach Fokussierung auf verhaltensbezogene Methoden zur Einübung neuer Handlungsweisen;
  • anschließend verstärkt verbalorientierte Techniken zur Reflexion und kognitiven Verankerung der gemachten neuen Erfahrungen als auch zur narrativen Identitätskonstruktion als Basis für die Planung neuer Handlungen.
  • Abhängig vom Fortschritt des Klienten werden verhaltensbezogene und verbalorientierte Interventionen abwechselnd wiederholt, bis das Problem als gelöst und der Coachingprozess als erfolgreich abgeschlossen bewertet wird.

Bei den verbalorientierten Techniken erscheint es ratsam, die gängige Coachingpraxis zu modifizieren, bei der es meist darum geht, die Ausgangssituation zu analysieren und zu reflektieren. Denn für einen erfolgreichen Prozess scheint es nicht erforderlich zu sein, das Problem in allen Details zu kennen, sondern es kann sogar hilfreich sein, „gängige kausale Verbindung(en) zwischen Problemursache und Problembehebung“ zu entkoppeln (Lang 2004, S.123). Diese Entkoppelung begünstigen narrative Techniken der Identitätskonstruktion, bei denen weniger die Abbildung vermeintlich objektiv vorhandener situativer oder persönlichkeitsbezogener Merkmale im Vordergrund steht, sondern der kreative Prozess der Identitätskonstruktion als „Neu-Einschreibung“ (Siefer & Weber 2006, S.170) in das autobiografische Gedächtnis.


Literatur

Echterhoff, G., Straub, J. (2004): Narrative Psychologie. In Jüttemann, G. (Hg.): Psychologie als Humanwissenschaft. Ein Handbuch. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S.102-133.

Grawe, K., Donati, R., Bernauer, F. (1994): Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe.

Grawe, K. (1998): Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.

Kandel, E. R. (2006): Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes. Frankfurt / M.: Suhrkamp.

Kanfer, F. H., Goldstein, A. P. (Hg.) (1979): Möglichkeiten der Verhaltensänderung. München: Urban & Schwarzenberg.

Keupp, H. et al. (1999): Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek: Rowohlt.

Lang, Anne M. (2004): Zielklärung als konstruktivistische Intervention. In Rauen, Ch. (Hg.): Coaching-Tools. Bonn: managerSeminare.

Markowitsch, H.J., Welzer, H. (2005): Das autobiographische Gedächtnis. Stuttgart : Klett-Cotta.

de Shazer, S. (1992): Wege der erfolgreichen Kurztherapie. Stuttgart: Klett-Cotta.

Siefer, W., Weber, C. (2006): Ich. Wie wir uns selbst erfinden. Frankfurt / M.: Campus.


Die Autorin

Claudia Dehn , Jahrgang 1969, ist Soziale Verhaltenswissenschaftlerin (B.A.), Marketing-Kommunikationswirtin, zertifizierter Gestalt-Coach (GIK) und Gutachterin in der Lernerorientierten Qualitätsentwicklung (LQ). Seit 2006 ist sie Mitglied der Geschäftsleitung der ArtSet Forschung Bildung Beratung GmbH, Hannover.

Kontakt:

Claudia Dehn
ArtSet Forschung Bildung Beratung GmbH
Ferdinand-Wallbrecht-Str. 17, D-30163 Hannover
Tel.: +49 (0)511 - 90 96 98 30

E-Mail: dehn@artset.de
Internet: www.artset.de , www.artset-lq.de  

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