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Neuromythen & Hirnlegenden

Wie unser Gehirn wirklich tickt

Dr. Henning Beck

Das Gehirn – ein wundervolles Organ. Kein anderes biologisches System ist derart gut erforscht und immer noch so unverstanden. Denn obwohl wir dem Gehirn mit modernsten Untersuchungsmethoden auf den Leib rücken, ranken sich bis heute zahlreiche Mythen und Legenden darum, wie unser Oberstübchen ticken soll. Da wird behauptet und spekuliert von kreativen Hirnhälften bis hin zu Spiegelneuronen. Es ist Zeit, das Gehirn gegen solch populäre Neuromythen zu verteidigen. Gerade für Weiterbildner ist dies wichtig, denn erst wenn man versteht, wie Gehirnprozesse ablaufen und Missverständnisse ausgeräumt sind, kann man das Gehirn auch besser nutzen. So schafft man eine fundierte Grundlage effektiver Weiterbildung.

Kaum eine wissenschaftliche Disziplin ist derzeit so angesagt wie die Neurowissenschaft. Schließlich dringen die spektakulären Erkenntnisse der Hirnforschung in viele Lebensbereiche ein und bieten neuartige Erklärungsmodelle: Wie wir unsere Kinder erziehen, Mitarbeiter führen oder unser Denken „optimieren“ können – man könnte meinen, die Neurowissenschaften bringen einen völlig neuen Zugang zur Welt unseres Gehirns.

Und das ist auch völlig korrekt! Denn keine andere Wissenschaft kann heute so präzise und unmittelbar beschreiben, was in unserem Gehirn vor sich geht. Dennoch sind wir von einer endgültigen Erklärung des Gehirns noch weit entfernt und vor allem sollte man sich hüten, die Ergebnisse neurobiologischer Experimente vorschnell zu überinterpretieren. Schon manches Mal wurden (und werden immer noch) neurowissenschaftliche Erkenntnisse instrumentalisiert, um ein falsches Bild vom Gehirn zu zeichnen. Das wird bei zwei bekannten Neuromythen besonders deutlich: dem rechte-/linke-Gehirnhälfte-Mythos und der Spiegelneuronen-Legende.

Rechts die Kreativität, links die Logik: unsere Hirnhälften denken unterschiedlich

Ein Klassiker unter den populären Behauptungen über unser Gehirn: der Mythos von den verschiedenen Hirnhälften in unserem Kopf, die unterschiedliche Denkweisen bevorzugen. So säßen in der rechten Hirnhälfte die Phantasie und das künstlerische Denken. Leider, so hört man immer wieder, werde diese Hirnhälfte immer untergebuttert von der dominanten linken Hirnhälfte, ihrerseits zuständig für die Logik, die Mathematik, die Sprache. Je nachdem, wer in diesem Ringen der Großhirnhälften die Oberhand habe, ergebe sich unser Denken: rechtshirnig (phantasievoll und künstlerisch) oder linkshirnig (sprachlich und logisch). Das ist einfach, eingängig und viel erklärend – beste Zutaten, damit sich eine solche Hirnlegende gut verbreiten kann.

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Unsere Gehirnhälften sind symmetrisch angelegt. Doch erst wenn sich ihre Funktionen ergänzen, entsteht das Gesamtbild unseres Denkens.

So hilft uns dieses Hirnhälften-Bild, unser Denken zu verbessern: Kann man nicht durch Übungen Kreativitätsregionen im „rechten Gehirn“ gezielt anschalten, damit wir neue Ideen hervorbringen? Oder mit irgendwelchen Tricks die Dominanz der linken Gehirnhälfte brechen, damit wir ganzheitlicher denken und unsere Hirnkapazität besser nutzen? Was stimmt überhaupt von diesem Mythos?

Die geteilten Gehirne

Wie immer hilft es, wenn man sich überlegt, wo dieser rechts/links-Mythos herkommt, denn wer denkt, all das sei kompletter Quatsch: Überraschung! Wir haben tatsächlich zwei Gehirnhälften in unserem Kopf, die zum Teil verschiedene Aufgaben haben – wenn es um elementare Grundoperationen geht.

Entdeckt wurde dies in den 1960er Jahren, als man untersuchte, wie man epileptische Anfälle bei Patienten besser unter Kontrolle bringen könnte. Eine radikale Methode bestand darin, das wichtige Nervenfaserbündel zwischen den beiden Großhirnhälften, den Balken, zu durchtrennen. So verhinderte man, dass sich die Anfälle von einer Hirnhälfte auf die andere ausbreiten konnten. Eine riskante Methode, schließlich sorgt der Balken mit seiner Viertelmilliarde Nervenfasern dafür, dass sich beide Hirnhälften immer gut mit Nervenimpulsen untereinander austauschen können.

Als man diese „Split-Brain-Patienten“ anschließend untersuchte, stellte man fest: Grundlegenden Denkaufgaben (wie Sprache, Objekterkennung oder Handbewegung) werden in der Tat von Hirnregionen verarbeitet, die meist auf einer bestimmten Seite sitzen. Beispielsweise befinden sich bei 96 Prozent aller Rechtshänder die Spracherzeugungszentren in der linken Hirnhälfte. Und während die Sehzentren der linken Gehirnhälfte oft Details auf Bildern erkennen können, konzentrieren sich die entsprechenden Regionen in der rechten Gehirnhälfte hingegen „auf das große Ganze“ und identifizieren grobe Muster.

Dies zeigte zum ersten Mal, dass Gehirnhälften Informationen durchaus verschieden verarbeiten können. Wissenschaftlich hochinteressant – und gleichzeitig eine Steilvorlage für Interpretationen aller Art: Wenn die rechte Gehirnhälfte tatsächlich ganzheitlich Muster erkennt, warum dann nicht gleich die ganze Kreativität ins „rechte Gehirn“ packen? Links die Sprache, rechts die Kunst, sozusagen.

Die Wahrheit der Hirnhälften

Nach einigen Untersuchungen in diese Richtung hat sich die seriöse Neurowissenschaft jedoch schnell von solch voreiligen Schlüssen verabschiedet. Mittlerweile ist klar: Nur einfache, elementare Denkvorgänge werden separat in Gehirnhälften bearbeitet. Das ermöglicht eine besonders effiziente Verarbeitung und erspart einen Umweg über den Balken von einer Hirnhälfte in die andere. Um ganze Gedanken oder Entscheidungen hervorzubringen, stimmen sich die beiden Hirnhälften hingegen ab, indem sie ihre Informationen austauschen und Teil eines gemeinsamen Netzwerks werden.

Moderne bildgebende Verfahren zeigen unmissverständlich: Ein „kreatives rechtes Gehirn“ gibt es nicht! Während des kreativen Denkens werden vielmehr Regionen aus allen Bereichen des Gehirns aktiviert. Effektive Kreativitätstechniken berücksichtigen daher dieses Denkverhalten im Gehirn. So ist es weniger bedeutsam, welche Hirnregion mit welcher Technik „aktiviert“ wird, denn neue Gedanken entstehen in aller Regel unterbewusst. Man kann nicht „auf Knopfdruck“ kreativ sein, sondern vielmehr das Gehirn zu kreativen Ideen provozieren: indem man es intensiv mit dem zu lösenden Problem konfrontiert, abbricht, sich von dem Problem entfernt, einen stressfreien Raum schafft. Je interessanter das Problem ist, desto intensiver wird sich das Gehirn dann unterbewusst mit der Lösung beschäftigen.

Genauso wenig wie die Kreativität kann man ganze Charaktereigenschaften (Stichwort „linkshirnig“) in eine Hirnhälfte packen. Die Zentren zur Erkennung von Wörtern sitzen zwar meist links. Doch die rechte Hirnhälfte bleibt beim Sprachprozess keineswegs stumm. Sie erkennt gleichzeitig Sprechmelodie, Geschwindigkeit, Betonung – und formt anschließend zusammen mit der linken Hirnhälfte unser Sprachverständnis.

Vergessen Sie das Bild von den zwei Hirnhälften, die mit ihren Denkweisen konkurrieren, es ist wissenschaftlich nicht haltbar. Vielmehr bilden die beiden Hirnhälften eine Einheit. Neurobiologisch ist es zwar sinnvoll, einfache Rechenvorgänge räumlich begrenzt (zum Beispiel in einer bestimmten Hirnhälfte) durchzuführen. So spart man sich Rechenarbeit. Doch das Gesamtbild, unsere Persönlichkeit, Intelligenz und Kreativität, das ist das, was bei gesunden Menschen zwischen den beiden Hirnhälften, durch ihren Austausch, entsteht.

Gähnen Sie mit!

Hirnforschung findet nicht nur in sterilen Laboren statt. Hirnforschung ist überall. In der morgendlichen S-Bahn beispielsweise. Machen Sie ein einfaches Experiment: Gähnen Sie offensiv, während Sie umringt von müden Pendlern auf dem Weg zur Arbeit sind. Mund hinter vorgehaltener Hand weit aufgerissen, Augen zusammengekniffen, tief einatmend – das steckt an. Und nach wenigen Sekunden gähnen alle mit.

Was das mit Hirnforschung zu tun hat? Ist doch klar, die Spiegelneuronen stiften uns (angeblich) zum Mitgähnen an. Dieser besondere Typ Nervenzellen muss heute für allerlei gesellschaftliche Erklärungen herhalten: Warum Fußballfans alle gleich gekleidet sind, warum wir zusammenzucken, wenn sich jemand in den Finger schneidet, oder wie wir in Gesprächen besonders sympathisch rüberkommen können.

Entdeckt wurden sie vor gut 20 Jahren, als italienische Forscher Rhesusäffchen untersuchten, die gerade beobachteten, wie vor ihnen jemand eine Nuss griff. Zur allgemeinen Überraschung stellte man fest, dass bei den Äffchen dabei nicht nur Seh-Nervenzellen aktiv werden, die die Szene beobachten, sondern auch Greif-Nervenzellen aus den Bewegungszentren. Die gleichen Nervenzellen also, die aktiv sind, wenn das Äffchen selbst nach der Nuss greift – als würde das Äffchen einen „virtuellen Bewegungsimpuls“ auslösen und die beobachtete Bewegung in seinem Gehirn nachahmen oder spiegeln.

Auf diese Weise wurde zum ersten Mal eine neurobiologische Erklärung dafür geliefert, wie man (also ein Äffchen) sich in andere reinversetzen könnte. Schnell einfach die Spiegelneurone aktiviert, schon fühlen wir, was unser Gegenüber fühlt.

Die Spiegelneuronen-Realität

Doch gemach! Auch hier ist es wichtig, die durchaus spannenden und bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht zu einer Legendenbildung zu benutzen. Tatsächlich ist das Wissen über die Spiegelneuronen weitaus komplizierter, als es das einfache Bild eines Spiegels vorgaukelt. Und sie eignen sich nicht als neurobiologische Allzweckwaffe, um unser Sozialverhalten zu erklären.

Wir wissen noch nicht einmal, ob und in welchem Ausmaß es Spiegelneurone im menschlichen Gehirn überhaupt gibt. Die allermeisten Untersuchungen, bei denen man direkt die Aktivität von Nervenzellen misst, während sie Bewegungen „spiegeln“, fanden bei Affen statt. Menschliche Gehirne untersucht man mit bildgebenden Verfahren, die lediglich eine indirekte Auskunft darüber geben, wo im Gehirn gerade gedacht wird. Diese Methoden sind jedoch viel zu ungenau, um einzelne Spiegelneurone im menschlichen Gehirn zu orten. Man findet zwar Regionen mit „Spiegeleigenschaften“, die also ein virtuelles Bewegungsmuster auslösen, wenn man die entsprechende Bewegung bei seinem Gegenüber sieht. Doch diese Prozesse gehen weit über die Aktivität einzelner Spiegelneurone hinaus, denn sie erfordern die Einbeziehung von vielfältigen Informationen und Erfahrungen zum Kontext der
Situation.

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Spiegelneuronen machen uns nicht zu willfährigen Gefühlspapageien, sondern sind Teil eines größeren Netzwerks, das an der Verarbeitung von Bewegungs- und Emotionsprozessen beteiligt ist.

Eine Emotion beim Gegenüber bemerken, und sofort dieselbe Emotion in uns ausläsen – so funktionieren Spiegelneurone sicher nicht. Deswegen verlässt man in der Wissenschaft das simple „Spiegelneurone-helfen-uns-uns-in-andere-hineinzu­ver­setzen“-Modell. Überhaupt ist der Begriff „Spiegelneuron“ viel zu irreführend. „Simulationsneuron“, das würde viel besser passen. Denn so wird deutlich, dass dieser Typ Nervenzellen Teil eines größeren Netzwerks ist, das dabei hilft, Entscheidungen zu treffen: Sie simulieren quasi eine externe Handlung und ermöglichen es, unter Abstimmung mit weiteren Nervenzellen, eine Handlung auszuwählen – oder auch nicht. Denn Spiegelneurone machen uns keineswegs zu Bewegungs- oder Gefühlspapageien, sondern sind Teil eines größeren Denkverfahrens im Gehirn. Sonst würden wir ja automatisch mitweinen, egal ob es unsere Mutter oder unser Finanzberater ist, der weint. 

Literatur-Empfehlung

Henning Beck: 
Hirnrissig.
Die 20,5 größten Neuromythen – und wie unser Gehirn wirklich tickt
CARL HANSER Verlag, 2014
272 S., 16,90 Euro

Der Autor: Dr. Henning Beck

Jg. 1983, ist Biochemiker und promovierter Neurowissenschaftler der Graduate School of Cellular & Molecular Neuroscience in Tübingen. 2013 arbeitete er an der University of California in Berkeley und entwickelte für Unternehmen in der San Francisco Bay Area moderne Innovations- und Marketingstrategien. Er ist Autor mehrerer Bücher und hält Vorträge und Workshops zu Themen wie Hirnforschung, Kreativität und Innovation. Mit seiner ungewöhnlichen Vortragsidee wurde Henning Beck mehrfacher Science Slam Gewinner und Deutscher Science Slam Meister 2012. Henning Beck lebt in Frankfurt.

beck@henning-beck.com 
www.henning-beck.com 

 

 

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