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Neuromythen & Hirnlegenden (2)

Die Lerntypen-Illusion

Dr. Henning Beck

Wie können Sie sicherstellen, dass Sie all die interessanten Artikel dieser Ausgabe des TrainerJournals gut behalten und nicht wieder vergessen? „Kommt auf den Lerntyp an“, werden Sie sagen. Schließlich sollen sich Menschen ja hinsichtlich ihres Lieblingslernstils unterscheiden. Als „visueller Lerntyp“ sollten Sie beispielsweise die Artikeltexte lesen und deren Bilder anschauen, um sich den Inhalt zu merken. Bevorzugen Sie hingegen den „akustischen Lernstil“, ler-nen Sie am besten, wenn Sie sich die Texte vorlesen lassen. So kann man sich sein Lernkonzept ganz individuell und einfach erstellen – doch das ist falsch, denn neurowissenschaftlich ist klar: Dieses Lerntypen-Denken ist längst überholt und biologisch nicht haltbar. Es ist ein typischer Neuromythos, der wieder zeigt, dass das Gehirn anders funktioniert, als man es sich oft vereinfacht vorstellt.

Informationen in Kanälen

Das Denken in Lerntypen ist weit verbreitet und beginnt schon in der Schule. Wenn es darum geht, das „Lernen zu lernen“, wird nicht selten der optimale Lernstil der Schüler zunächst in einem Test ermittelt und das individuelle Lernen anschließend darauf abgestimmt. Schließlich entspricht es auch unserer Intuition: Der eine lernt scheinbar besser, wenn er etwas sieht, der andere muss es sich eher aufschreiben, um es nicht zu vergessen (der sogenannte „haptische Lerntyp“).

Zwei Vorteile hat das Denken in Lerntypen: Das Lernen wird scheinbar beherrschbar, denn sobald man weiß, wie man „am besten“ lernt, kann man sein Lernen darauf abstimmen. Zum anderen wird man etwas Besonderes: Plötzlich ist man nicht mehr jemand, der die Konjugation von lateinischen Vokabeln schlicht nicht kapiert, sondern hat lediglich „falsch gelernt“. Einfach den richtigen Lernkanal (visuell, auditiv, haptisch oder kommunikativ) aktivieren und schon klappt es mit dem Lernen besser.

Doch das stimmt nicht! Das Gehirn lernt nicht in individuell vorgegebenen Lernkanälen und schon gar nicht entsprechend eines persönlichen Lerntyps.

Lerntypen auf dem Prüfstand

Kein einziges wissenschaftliches Experiment hat jemals das Vorhandensein von Lerntypen bestätigen können. Denn Menschen scheinen sich weit weniger in ihrem Lernschema zu unterscheiden, als man angenommen hat: Wenn sich Probanden in einem Experiment zunächst einem bestimmten Lerntyp zuordnen und bei einem anschließenden Lerntest geschriebene Wörter merken sollen, spielt es keine Rolle, ob sie dabei zusätzlich eine visuelle Unterstützung (ein Bild des Wortes) oder eine akustische Hilfe (das gesprochene Wort) bekamen. Egal als welchen Lerntyp man sich vorher bezeichnete, die unterschiedlichen Gruppen lernten also gleich gut. Eine selbstverordnete Einordnung in einen Lerntyp mag also Sicherheit im Lernen vermitteln, doch in Wirklichkeit ist ein Lerntyp nicht messbar.

Mehr noch: Im Prinzip sind wir alle in erster Linie „visuelle Lerner“ und verarbeiten Informationen vornehmlich über Bilder – akustischer Typ hin oder her. Das dürfte auch nicht überraschen, wenn sich ein Drittel unseres Gehirns nur mit der Bildverarbeitung beschäftigt. Denn dadurch können optische Informationen viel weitläufiger in unserem Nervennetz verankert werden, als wenn wir ausschließlich einen weniger dominanten Sinneskanal (wie das Hören oder Fühlen) verwenden.

Allerdings stellt man in wissenschaftlichen Untersuchungen oft eine besondere Wirkung des Lerntypen-Denkens fest: Menschen glauben daran – und schaffen sich so im Laufe ihres Lebens eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn man schon früh gesagt bekommt, dass man die Dinge vor allem hören muss, um sie zu behalten, dann passt man seinen Lernstil entsprechend an. Nun ist das Gehirn nicht blöd und optimiert seine Lernfähigkeit entsprechend des künstlich erzwungenen Lernstils. Auf Dauer verbessert man so tatsächlich seine Fähigkeit, Informationen über den „akustischen Kanal“ zu lernen. Doch das ist leider nur die zweitbeste Möglichkeit, denn man verschenkt die Fähigkeit des Gehirns, viele Sinnesreize beim Lernen zu kombinieren.

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Abb.: Im Prinzip sind wir alle in erster Linie der „visuelle Lerntyp“ und verarbeiten Informationen vornehmlich über Bilder.

Befreien Sie sich aus Lern-Monokulturen

Das Denken in Lerntypen ist gefährlich, denn es schafft eine Lern-Monokultur, in der man sich auf seinen (im Test ermittelten) Lieblings-Lernkanal verlässt und anschließend dementsprechend lernt. Doch so verschenkt man die Möglichkeit, mit vielen Sinnen neue Informationen aufzunehmen. Denn entscheidend dafür, wie „gut“ (also wie dauerhaft und gleichzeitig verfügbar) eine Information gespeichert wird, ist das Ausmaß der Hirnaktivierung beim Lernen. Nach dem Motto: Je vielfältiger etwas gelernt wurde, desto robuster wird es auch abgespeichert.

Dazu muss man wissen, dass eine Information im Gehirn etwas Besonderes ist: Es ist die Art, wie das Nervennetzwerk aktiviert wird, es ist ein Aktivitätsmuster der vielen Nervenzellen. Wann immer Sie an etwas denken, ist ihr Netzwerk im Gehirn auf eine ganz charakteristische Weise aktiv: Denken Sie an einen roten Apfel! In diesem Moment zeigen Ihre Neuronen ein ganz individuelles Aktivierungsprofil – ganz persönlich, denn bei jedem Menschen ist dieses Muster ein klein wenig anders. Das bedeutet auch: Je vielfältiger das Gehirn beim Lernen mit neuen Reizen stimuliert wird, desto großflächiger ist auch das Aktivierungsmuster (die Information) im Gehirn verteilt. Auf diese Weise wird es robust verankert, denn was viele Neuronen aktiviert, geht nicht so leicht verloren.

Was bedeutet das nun praktisch? Wie lernt man also am besten? Zunächst verlernen Sie bitte, dass es diese Lerntypen gibt. Dann im Prinzip braucht das Gehirn drei Dinge, um Neues zu lernen.

Vielfältigkeit – Informationen werden dann am besten behalten, wenn sie eben nicht über einen Sinneskanal bevorzugt, sondern mit möglichst vielen Sinnen gleichzeitig erlebt werden. Lesen Sie zu lernende Informationen, schreiben Sie sie auf, sprechen Sie mit anderen drüber, malen sie Bilder oder Skizzen dazu – je mehr, desto besser.

Sinnzusammenhang – Das Gehirn versucht permanent, Dinge in einen Kontext zu ordnen und so nutzbar zu machen. Eine Rohinformation an sich ist uninteressant, erst wenn sie in einen nützlichen Zusammenhang gestellt wird, wird sie für das Gehirn spannend. Niemand lernt beispielsweise gerne Französischvokabeln, wenn er nie nach Frankreich will. Doch wenn der nächste Urlaub an der Côte d’Azur vor der Tür steht, wird die Sprache interessant. Versuchen Sie deswegen immer, den Sinn eines Lernvorganges zu sehen. Wenn Sie Informationen eine Geschichte, einen Zweck geben, bleiben sie dauerhaft im Gehirn.

Spaß – Unser „Glückszentrum“ im Gehirn hat sich überhaupt nur entwickelt, damit wir möglichst schnell interessante Dinge lernen. Wenn wir Informationen mit positiver Emotion verknüpfen, lernen wir sie nämlich besonders gut. So müssen wir manche Dinge nur einmal erleben und vergessen Sie nie wieder: den ersten Kuss, die Geburt eines Kindes oder wie Deutschland Fußball-Weltmeister wurde – je nachdem, was einen entsprechend glücklich macht. Nicht immer ist es leicht, auf Knopfdruck mit guter Laune zu lernen. Versuchen Sie daher zumindest, eine positive Lernatmosphäre zu schaffen, beispielsweise einen Ort, an dem sie gerne sind. Belohnen Sie sich auch für Lernerfolge und zeigen Sie Ihrem Gehirn so, dass es sich lohnt, zu lernen.

Literatur-Empfehlung

Henning Beck: 
Hirnrissig.
Die 20,5 größten Neuromythen – und wie unser Gehirn wirklich tickt
CARL HANSER Verlag, 2014
272 S., 16,90 Euro

Der Autor: Dr. Henning Beck

Jg. 1983, ist Biochemiker und promovierter Neurowissenschaftler der Graduate School of Cellular & Molecular Neuroscience in Tübingen. 2013 arbeitete er an der University of California in Berkeley und entwickelte für Unternehmen in der San Francisco Bay Area moderne Innovations- und Marketingstrategien. Er ist Autor mehrerer Bücher und hält Vorträge und Workshops zu Themen wie Hirnforschung, Kreativität und Innovation. Mit seiner ungewöhnlichen Vortragsidee wurde Henning Beck mehrfacher Science Slam Gewinner und Deutscher Science Slam Meister 2012. Henning Beck lebt in Frankfurt.

beck@henning-beck.com 
www.henning-beck.com 

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