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Der Schlüssel zum konstruktiven Wandel

Kollektive Intelligenz plus Werteorientierung

Josef Maiwald und Tom Müller

Laut Darwins Beobachtungen natürlicher Vorgänge beruht die Evolution in erster Linie auf zwei Prinzipien: Zum einen sorgt der Zufall für Variationen in der Erbausstattung. Diese sind von Generation zu Generation minimal. Zum anderen gibt es ein Prinzip der Verdrängung, bzw. „Survival of the Fittest“. Demnach setzen sich die anpassungsfähigsten Spezies durch – diejenigen, die mit den Umweltbedingungen und -Veränderungen am besten zurechtkommen. Andere Arten verschwinden.

Darwinismus ist out!

Dieser so postulierte Konkurrenz- und Verdrängungskampf inspirierte unsere Gesellschaft und die Prinzipien der Wirtschaft. Es gilt das Motto „Konkurrenz belebt das Geschäft“ und der freie Markt sorgt für eine gute Balance zwischen Angebot und Nachfrage.

Wer so denkt, ist nicht mehr ganz auf der Höhe der Erkenntnisse! Denken Sie bitte daran, wenn das nächste Mal Politiker argumentieren, z.B. Griechenland müsse an seiner internationalen Konkurrenzfähigkeit arbeiten.

Inzwischen ist klar: Darwin lag nicht ganz falsch. Doch seine Theorie ist nicht umfassend genug. In Zeiten von Ressourcenknappheit sind Konkurrenz und Kampf tatsächlich vordergründig. In der Natur spielen aber Kooperation und Kommunikation eine gewichtige, wenn nicht sogar die wichtigere Rolle. Unterschiedliche Arten stärken ihre Überlebensfähigkeit, indem sie Symbiosen eingehen. Zum Beispiel die Fortpflanzungssymbiose von Bienen, Hummeln und Schmetterlingen mit Blütenpflanzen. Menschen sind ohne die Symbiose mit unterschiedlichen Bakterien die Haut, Lunge, Darm und sämtliche Körperöffnungen besiedeln, überhaupt nicht lebensfähig.

Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse belegen die Vorteile von Kommunikation und Kooperation. Es gibt Hinweise, dass unser Erbgut kreative Elemente enthält. Genome haben lt. Prof. Joachim Bauer (Arzt und Evolutionsforscher) sensorische Eigenschaften. Sie können über molekulare Signale feststellen, wenn sich die Umweltbedingungen vital bedrohlich ändern. In Krisensituationen kann dadurch ein evolutionärer Entwicklungsschub initialisiert werden.

Strategische Allianzen von Unternehmen sind erfolgreicher

Psychologie und Gehirnforschung belegen die Bedeutung der Kooperation ebenfalls: Normale Menschen vermeiden es, anderen Schmerz zuzufügen. Unter anderem bewirken Spiegelneuronen im Nervensystem, das wir mitleiden, wenn wir mitbekommen, dass es anderen schlecht geht. Bei fairem Verhalten und Kooperation hingegen schüttet unser System Glückshormone aus.

Der Trendforscher Jörg Melzer geht davon aus, dass strategische Allianzen von Unternehmen wie etwa die von VW und Ford beim VW Sharan bzw. Seat Alhambra und dem Ford Galaxy zukunftsweisend sind. Reines Konkurrenz- und Wettbewerbs-Denken sei nicht mehr angemessen. In unserer vernetzten Gesellschaft zahle sich ein kooperatives Mindset und die gemeinsame Erarbeitung von Win-Win-Lösungen immer mehr aus.

Kollektive Intelligenz versus Dummheit

Von kooperativen Win-Win-Lösungen ist es nur noch ein kurzer Gedankensprung zur kollektiven Intelligenz. Schon Aristoteles stellte in seiner Summierungsthese fest, dass die Entscheidung einer größeren Gruppe besser sein kann als die einer kleinen, sogar dann, wenn die kleine Gruppe besonders fachkundig erscheint.

In der Literatur zur Schwarm-, Gruppen- bzw. Kollektiver-Intelligenz finden sich unzählige Beispiele, zu welchen kollektiven Leistungen Tiere und Menschen fähig sind. Zugvögel sparen ohne theoretisches Wissen über Aerodynamik bis zu 20 Prozent Energie, indem ihr Schwarm in einer V-förmigen Formation fliegt.

Ein schönes Beispiel menschlicher Gruppen-Intelligenz ist z.B. Wikipedia. Und in Projektteams zeigt sich immer wieder, dass gegenseitige Inspiration deutlich bessere Ergebnisse bringt, als nur die Summe von Einzelleistungen.

Doch der Spruch „Viele Köche verderben den Brei“ weist darauf hin, dass man sich gegenseitig auch blockieren kann. Durch negative Gruppendynamik können die negativen Effekte überwiegen. Gunter Dueck widmete diesem Problem ein ganzes Buch: „Schwarmdumm - So blöd sind wir nur gemeinsam“. Er beklagt, dass wir unsere Intelligenz aus persönlichem Ehrgeiz gegeneinander nutzen. Die Intelligenz der einzelnen Individuen hebt sich dabei auf und endet in großer Gesamtdummheit.

Intelligenz braucht Werte und innovative Methoden

Üblicherweise werden gemeinsame Ziele, ein funktionierender Informationsaustausch und kognitive Vielfalt als Voraussetzung für intelligente Gruppenleistungen genannt. Dabei konzentriert sich individuelles Denken oft zu eng auf die eigene Sippe, auf kurzfristigen Erfolg und zu wenig über den eigenen momentanen Tellerrand hinaus.

Gruppen-Intelligenz kann dadurch benutzt werden, um noch raffiniertere Waffen zu bauen, die Bevölkerung mittels Big Data immer besser zu durchleuchten und zu kontrollieren oder Bauern weltweit durch hybrides, nicht fortpflanzungsfähiges Saatgut immer weiter in Abhängigkeit zu treiben.

Ohne Werte wie z.B. Fairness, Rücksichtnahme und Nachhaltigkeit helfen weder individuelle noch kollektive Intelligenz, lebensfördernde Bedingungen zu bewahren. Diesen Aspekt vermissen wir in der uns bekannten Literatur zur Gruppen-Intelligenz.

Smarte Gruppen-Intelligenz

Durch die Aktivierung von werteorientierter Gruppen-Intelligenz ließen sich typische Systemfehler und negative Nebenwirkungen in sozialer und ökologischer Hinsicht vermeiden. Eine heterogene Zusammensetzung der Gruppe ermöglicht es, wirklich neue Ideen zu entwickeln. Darüber hinaus wächst der Zusammenhalt, das Wir Gefühl aber auch – ganz praktisch – durch die reine Partizipation der gemeinsame Umsetzungswille und die Nachhaltigkeit von Veränderungen.

Beispiele für die Notwendigkeit, andere Wege zu gehen, findet man leicht, wenn man etwa Effekte wie Politikverdrossenheit näher durchleuchtet. Im Wirtschaftsleben herrscht oft Abteilungsegoismus. Dabei würden kürzere Innovationszyklen und durch Digitalisierung und Disruption ausgelöste Veränderungen effektive Problemlösungs- und Entscheidungsprozesse erfordern.

Beispiel Anbau von Bio-Lebensmitteln

Als Beispiel sei hier der Anbau von Bio-Lebensmitteln genannt. Gebremst durch die Agrarriesen Bayer oder BASF hält der Öko-Anbau in Deutschland mit der Nachfrage nicht Schritt. Jeder weiß, dass die konventionelle Landwirtschaft enorme Umweltschäden verursacht. Und trotzdem wird ein Umbau bestenfalls halbherzig betrieben.

Dass es auch anders geht, zeigt der kleine indische Bundesstaat Sikkim, der inzwischen als Biostaat bekanntgeworden ist. Seit Ende 2015 ist die gesamte Agrarfläche des Staates offiziell als Bioackerland zertifiziert, werden die Äcker und Plantagen am Fuße des Himalayas ausschließlich ökologisch bewirtschaftet. Der Erfolg: kurzfristig brachen die Erträge ein. Sobald sich die Böden und Pflanzen auf die neuen Bedingungen eingestellt hatten, erholten sich auch die Erträge. Der Arbeitsplatz der Bauern und Teepflücker ist nun deutlich gesünder – und die Nahrungsmittel sowieso. Der Erfolg der „Organic Mission" ist so überzeugend, dass weitere Bundesstaaten dem Beispiel folgen wollen.

Wie lässt sich mit zeitlich vertretbarem Aufwand eine Entscheidung finden?

Ein entscheidender Erfolgsfaktor, dass die Weisheit der Vielen wirken kann, ist die Moderation des Prozesses. Hier bedarf es – über die neutrale Haltung hinaus – das tiefe Wissen über die Fallen in der Willensbildung und Entscheidungsfindung einer Gruppe oder Organisation. Dabei ist die Struktur des Ablaufes ein ebenso wichtiger Faktor, wie moderne Tools für den Austausch und die Bewertung unterschiedlicher Ideen und Vorschläge.

Wenn wir – zusätzlich zu unseren bisherigen Kriterien –, unsere Entscheidungen und unser Handeln auch noch ethischer und nachhaltiger ausrichten wollen, taucht sicher folgende Frage auf: Wie lässt sich angesichts der Komplexität eines Themas, an dem mehrere Personen beteiligt sind, in zeitlich vertretbarem Aufwand eine Entscheidung finden? Besprechungen mit mehr als drei Beteiligten drohen sich in die Länge zu ziehen.

Ein konstruktiver Ansatz dazu liegt im systemischen Konsensieren (SK). SK bietet unterschiedliche Methoden und Werkzeuge auf der Basis: Widerstand wird ernst genommen und als kreatives Potenzial genutzt.

Weitere Informationen zum SK erhalten Sie im Artikel „Das kreative Potenzial in Bedenken und Widerstand“.

Die Autoren

Josef Maiwald aus München und Tom Müller aus Düsseldorf verfügen über langjährige Erfahrung als Organisations- & Personalentwickler, Trainer & Coaches, Mediatoren & Moderatoren. Ihre Begleitung, Beratung und Training unterstützt Unternehmer und Führungskräfte dabei, das Potenzial ihrer Mitarbeiter/innen zu entfalten und smarte Gruppenintelligenz zu fördern.

www.smarterlife.de,

www.gruppenintelligenz.de

Quellen und Literatur (Auswahl):

Web:

Podcast des Artikels:

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Josef Maiwald und Tom Müller

 

 

Bildnachweis: Josef Maiwald/Detlef Korus; Tom Müller/Jørn Rings

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