Die Woche der Weichenstellungen: EU einigt sich, KI-Agenten träumen, Kognition leidet
In den frühen Morgenstunden des 7. Mai 2026 einigten sich EU-Parlament und Rat auf das Digital-Omnibus-Paket — die erste substanzielle Änderung des AI Acts, bevor dessen zentrale Hochrisiko-Pflichten überhaupt in Kraft getreten waren. Hochrisiko-KI-Systeme nach Anhang III erhalten bis zum 2. Dezember 2027 Zeit, KI in Produkten wie Medizingeräten sogar bis August 2028. Die Verschiebung ist kein politisches Geschenk, sondern eine Realitätseingeständnis: Die nötigen harmonisierten Normen für Konformitätsbewertungen existieren noch nicht. Gleichzeitig zog die Einigung die Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte auf Dezember 2026 vor und verankerte ein neues Verbot für KI-generiertes Missbrauchsmaterial. Bürgerrechtsorganisationen kritisieren den Kompromiss als Abschwächung, Industrieverbände als unvollständig. Das Fenster für compliance-freie KI-Systeme in Hochrisikobereichen ist definitiv offen — aber die Vorbereitungsarbeit beginnt jetzt, nicht 2027.
Parallel dazu dominierten Anthropic und seine Partner die Produktnachrichten. Beim Code-with-Claude-Kongress in San Francisco präsentierte Anthropic am 6. Mai gleich vier Neuerungen: das Dreaming-Feature für Managed Agents (selbstlernende Agenten zwischen Sessions), den SpaceX-Colossus-1-Deal (300 MW neue Compute-Kapazität, Claude-Code-Limits verdoppelt), Claude for Small Business (QuickBooks, HubSpot, PayPal als fertige Connectors) und Claude Finance (zehn vorkonfigurierte Agenten für Investment Banking und Asset Management). Zeitgleich bekräftigte Anthropic mit einem ausführlichen Policy-Post, dass Claude dauerhaft werbefrei bleiben wird — ein direkter Kontrast zu OpenAI, das in derselben Woche seinen Ads-Manager auf UK, Mexiko und Brasilien ausweitete. Dass Anthropic dabei Compute-Infrastruktur von Elon Musk bezieht, der öffentlich als Konkurrent und Kritiker aufgetreten ist, beleuchtet die pragmatischen Risse hinter dem Wettbewerbs-Narrativ der KI-Branche.
Die gesellschaftliche Gegenseite dieser Produktoffensive lieferte eine Studie, die in dieser Woche viral ging: Forscher von Carnegie Mellon, MIT, Oxford und UCLA zeigten, dass bereits zehn Minuten KI-gestützte Aufgabenbearbeitung die eigenständige Problemlösefähigkeit messbar senkt — ein heavy cognitive cost. In derselben Woche wurde eine Nature-Metaanalyse über positive KI-Lerneffekte wegen methodischer Mängel retracted. Das Muster wiederholt sich: Jede Produktmeldung, die KI als Effizienzmaschine feiert, wird von empirischen Befunden begleitet, die auf Erosion menschlicher Kernkompetenzen hinweisen. Der Ramp-AI-Index belegte zudem erstmals, dass Anthropic OpenAI in der US-Unternehmensadoption überholt hat — mit Claude Code als Motor. Für Trainer und Berater ist das eine doppelte Botschaft: Die Tools werden leistungsfähiger und weiter verbreitet, aber die Frage, wie sie die Fähigkeiten der Nutzenden entwickeln statt ersetzen, wird drängender.
Im Hintergrund liefen zwei längere Verfahren weiter, die die Branchenstruktur bestimmen werden: Der Musk-Altman-Prozess in Oakland ging in Woche zwei mit Aussagen von Shivon Zilis und Satya Nadella, der offenbarte, dass Microsoft bis Juni 2026 über 100 Milliarden Dollar in OpenAI investiert haben wird — und dass diese Bindung aus strategischer Angst entstanden war, nicht aus Überzeugung. Und Apple bereitete laut Bloomberg mit iOS 27 ein Extensions-System vor, das Siri für Claude, Gemini und andere Anbieter öffnet: ChatGPT verliert seine 17-monatige Exklusivpartnerschaft. KW 19 war eine Woche, in der strukturelle Machtverhältnisse der KI-Branche gleichzeitig gesetzt und erschüttert wurden.


